Die Vorgeschichte


Vor vielen Jahren wurde ich mit dem Flugvirus infiziert. Es war während meines Wehrdienstes, wo ich zum einen auf einem Fliegerhorst in einer Abteilung beschäftigt war, die sich „navigatorische Flugvorbereitung“ nannte, und zum anderen meine Stube mit zwei Segelfliegern teilte, von denen einer gerade seine Ausbildung zum Segelfluglehrer machte.


Es dauerte allerdings noch eine Reihe von Jahren, bis diese „Virus“ dann offen ausbrach. Während meines Studiums begann ich als Segelflugschüler in Oerlinghausen und anschließend im Verein am Flugplatz Meiersberg.


Segelfliegen ist wirklich ein wunderschönes Hobby. Für mich erwies es sich allerdings auf Grund des hohen Zeitaufwands immer mehr als nicht wirklich familienkompatibel. Als sich bei uns zum zweiten Mal Nachwuchs ankündigte, zog ich erst einmal einen Schlussstrich unter das Kapitel Fliegerei.


Der Einstieg


Irgendwann zu Beginn des Jahres 2004 beschloss mein damals 14-jähriger Sohn Fabian, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.


Genau wie ich viele Jahre zuvor war er fasziniert von der Chemie, und zwar insbesondere von derjenigen, bei der es kräftig knallt und meistens auch stinkt.

Er machte viele Versuche bei denen er alle möglichen Chemikalien zusammenmixte, und genauso wie bei mir ging einer dieser Versuche gründlich schief.


Bei mir lief es damals auf eine verbrannte Hand hinaus, bei ihm auf einen verbrannten Arm und kräftig geschockte Eltern, die sich Gedanken machten, wie man die Aktivitäten ihres Sprösslings in weniger nervenaufreibende Bahnen lenken könne.


Meine eigenen Erfahrungen mit der anorganischen Chemie im Alter von knapp 13 Jahren legten damals übrigens den Grundstein für mein Interesse am Amateurfunk. Doch das ist eine andere Geschichte, die man in der Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum des OV R09 nachlesen kann.


Jedenfalls stand, nicht lange nach den üblen Erfahrungen meines Sohnes, die Gott sei Dank keine bleibenden Schäden zur Folge hatten, die Frage im Raum, wie man denn den kommenden Sommerurlaub verbringen solle.


Meine Frau Ute, ganz in Sorge darum, was unser Sprössling noch so alles anstellen könne, wenn man ihn aus der elterlichen Obhut entließe, bestand darauf, nur gemeinsam mit ihm den Urlaub anzutreten.


Aber wie gestaltet man einen Urlaub mit einem 14-jährigen im besten „Null-Bock, was mit den Eltern zu unternehmen“ Alter so, dass alle was davon haben und man sich nicht gegenseitig auf die Nerven geht?


Kultur schied irgendwie aus, und einfach irgendwo „abhängen“ erschien auch nicht als eine erstrebenswerte Perspektive.


Aus diesem Dilemma half uns dann – völlig unerwartet – ein Freund und Arbeitskollege heraus.

Als ich mit ihm zusammen beim Mittagessen in der Kantine saß und über unser urlaubsplanerisches Problem sinnierte,  meinte er: „Warum gehst Du nicht mit deinem Sohn Gleitschirmfliegen? Du hast doch früher selber mal Segelflug gemacht und wenn ich es recht in Erinnerung habe, dann wolltest Du doch auch irgendwann mal wieder in die Fliegerei einsteigen.“


Ich muss zugeben, dass ich damals, als ich noch Segelflugschüler war und die Gleitschirmfliegerei gerade erst anfing, populär zu werden, eher mitleidig und vielleicht auch ein wenig hochnäsig auf diese Zeitgenossen, auch „Tüten-„ oder „Fetzenflieger“ genannt, hinabschaute. Wie konnte man sich bloß an ein Stück Stoff hängen, das unsereins bestenfalls als allerletztes Rettungsmittel für den Fall ansah, dass das „richtige“ Fluggerät seinen Geist aufgab?


Nun, seit dem waren schon etliche Jahre ins Land gegangen und nach einigen Recherchen im Internet musste ich feststellen, dass die Gleitschirmfliegerei inzwischen beträchtliche Fortschritte gemacht hatte. Man konnte mit solchen Teilen ja sogar richtig in der Thermik fliegen oder im Hangaufwind „soaren“, und die Piloten nahmen inzwischen ja sogar zusätzlich zu ihrem Gleitschirm einen Rettungsschirm mit auf den Flug.


Mein Interesse war jedenfalls geweckt, und nach einer kurzen Unterredung mit meiner Frau war sie von der Idee, im Urlaub einen Vater-Sohn Gleitschirmkurs zu machen, ganz angetan.

Ihr Segen sei uns sicher, falls wir uns zum Fliegen lernen eine schöne Gegend aussuchten und sie sich die Zeit dort mit Fahrradfahren anderen Erkundungen vertreiben könne.


Blieb nur noch eins zu tun – meinen Sohn, der noch gar nichts von seinem „Glück“ wusste, für dieses Vorhaben zu begeistern.

Beim Abendessen sprach ich ihn also an: „Du, Fabian, ich hab’ ja früher mal Segelfliegen gemacht, und eigentlich wollte ich ja auch schon lange mal wieder damit anfangen, aber der ganze Aufwand ist irgendwie nix für mich. Jetzt habe ich im Internet ein paar Videos von Gleitschirmfliegern gesehen, das sah total geil aus und das würde ich auch gerne mal ausprobieren. Aber das ist ja auch irgendwie blöd, wenn ich mich dann im Urlaub ausklinke und Mama und Du dich dann anderweitig vergnügen müsst. Hättest Du nicht Lust, mit mir zusammen Gleitschirmfliegen zu lernen. Ist bestimmt cool. Guck Dir mal die Videos an.“


Zwei Tage später, fragte ich ihn, was er denn nun von dieser Idee hielte. Seine Antwort war überraschend kurz: „Ich glaube, davor habe ich zuviel Angst.“

Nach einem kurzen Disput über die Gefahren denen man bei der Durchführung diverser anorganischer Chemieexperimente ausgesetzt ist und denjenigen, mit denen man sich beim Fliegen auseinandersetzen muss entließ ich ihn mit der Bitte, sich das Ganze noch mal zu überlegen – nicht ohne den dezenten Hinweis, dass, falls er keine bessere Idee hätte, es ansonsten auf einen gemeinsamen Urlaub mit ganz viel Kultur und wenig Action hinauslaufen würde.


Ein paar Tage später, Ute und ich saßen gerade in der Küche, stürmte Fabian herein und sagte: „Also wenn euch absolut nix besseres einfällt, dann können wir das mit der Fliegerei ja machen.“


Und so haben wir es dann auch gemacht. Zwei Wochen Gleitschirmkurs im schönen Allgäu gebucht und Ende Juli 2004 standen Fabian und ich zusammen mit einer Mitschülerin als „Grundkurs“ an Fuße des Übungshangs.


Die Gleitschirmausbildung oder „Aller Anfang ist schweißtreibend“


Der Sommer 2004 war ein schöner Sommer. Schön und heiß. Sehr heiß.

Und der Übungshang, den es nach den ersten Aufziehübungen dann täglich x Mal zu erklimmen galt, war etwa 50 Meter hoch. Ich muss sagen, das war einer meiner sportlichsten Urlaube überhaupt.


Aber die Mühen, der Schweiß, der Muskelkater und die blauen Flecken (nicht durch Abstürze sondern durch ungeschicktes Aufziehen des Schirmes verursacht) wurden mehr als belohnt durch das grandiose Erlebnis des Fliegens selbst.

Wenn auch die ersten Flüge nur wenige 10 Sekunden dauerten, war das Gefühl einfach überwältigend.


Es gab selbstverständlich viel zu lernen. Die wahren Herausforderungen liegen in den Starts und Landungen. Aber das durften wir in den folgenden Tagen bis fast zur völligen Erschöpfung üben.


Es stellte sich schnell heraus, dass sich Fabian in vielen Dingen wesentlich geschickter anstellte als ich selbst. Ob’s wohl am Alter lag?


Die Hauptsache aber – er war genauso begeistert wie ich.


Am Ende der ersten Woche konnten wir dann schon mit etwas über 400 Meter Startüberhöhung vom Buchenberg fliegen. Das tollste war – da ging eine Seilbahn hoch und das schweißtreibende Schleppen der Ausrüstung (ca. 20 kg) gehörte erst mal wieder der Vergangenheit an.


In der zweiten Woche konnten wir dann schon vom Tegelberg starten, mit immerhin 900 Meter Startüberhöhung, und tatsächlich gelang ab und an auch mal der Ansatz eines Thermikfluges.


Nach zwei Wochen Ausbildung kehrten wir glücklich und  zufrieden nach Hause zurück mit dem festen Willen, die Ausbildung im kommenden Jahr abzuschließen.

Und so durften wir im Herbst 2005 nach einer weiteren Woche Schulung unsere theoretische und praktische Prüfung ablegen und uns als stolze Gleitschirmpiloten fühlen.


Seitdem haben wir – immer im Urlaub – viele schöne Flüge im Allgäu, in den Französischen Alpen und den Schweizer Alpen sowie in der Toscana gemacht.


Das Gleitschirmfliegen erschien mir von Anfang an als eine völlig intuitive Sache, die irgendwie fast wie von selbst funktioniert. Anders als beim Segelfliegen vermittelt sie mir das Gefühl, selbst zu fliegen anstatt in einer Maschine zu sitzen, die mich fliegt.



Die Motorschirmausbildung oder „auch ohne Berge kann man ins Schwitzen kommen“


Alle unsere Gleitschirmaktivitäten waren bislang immer mit einem Urlaub in den Bergen verknüpft. Bald schon hatte ich den Wunsch, auch mal in oder nahe der Heimat fliegen zu können. Aber was macht man als Gleitschirmpilot, wenn man keine Berge hat?


Prinzipiell bieten sich hierfür zwei Möglichkeiten an.

Entweder tut man es den Segelfliegern gleich und lässt sich im Flachland mittels einer Seilwinde in die Lüfte heben oder man schnallt sich einen Motor nebst Propeller auf den Rücken und lässt sich durch die gebändigte Kraft von 15 bis 30 PS (je nach Körpergröße und Konstitution) nach vorne und oben treiben. Wer’s ein wenig ruhiger mag, hat auch noch die Möglichkeit, den Motor an eine Art Dreirad – Trike genannt – zu montieren und sich damit in die Lüfte zu erheben.


Irgendwie erschien mir die Idee mit der Seilwinde nicht so erstrebenswert.

Blieb also die Geschichte mit dem Motor.

Im Jahr 2006 suchte ich nach einer nicht allzu weit entfernten Ausbildungsmöglichkeit für das Motorschirmfliegen und wurde schließlich bei einer Schule fündig, die auch in Aachen Kurse anbot.


Der Sommer 2006 war ein schöner Sommer. Schön und heiß. Sehr heiß.

Und so ein Rückenmotor kann ganz schön schwer sein.

Kurz und gut – ich habe nicht ganz soviel geschwitzt wie zwei Jahre zuvor am Übungshang, aber durch die mehr als 25 kg auf dem Rücken, mit denen man gefühlt endlos lange am Boden herumlaufen musste, bevor man sich in die Luft erheben durfte, hat meine Beinmuskulatur ordentlich gekräftigt. Jedenfalls hatte ich nach einer Woche einen wahnsinnigen Muskelkater und war wahnsinnig stolz auf meine erworbenen Grundkenntnisse der Motorschirmfliegerei.


Die Ausbildung zum Motorschirmpiloten konnte ich dann im August 2007 abschließen. Anders als die motorlosen Gleitschirme zählen Motorschirme in Deutschland zu den Ultraleichtflugzeugen, und die Theorieausbildung ist genauso umfangreich wie z.B. für ein Dreiachs-Ultraleichtflugzeug. Es waren also neben der praktischen Ausbildung noch etliche Stunden Theorie zu absolvieren und ich fühlte mich teilweise wieder in die Schule zurückversetzt. Dann kam noch der Erwerb des Sprechfunkzeugnisses dazu. Das ist zwar nicht zwingend erforderlich, aber es ist doch recht hilfreich, lernt man dadurch doch auch eine Menge über die Abläufe an einem „richtigen“ Flugplatz. Außerdem ist es für einen Funkamateur vielleicht auch Ehrensache, solche Dinge, die sich irgendwie mit Funken beschäftigen, mitzunehmen.


So stand ich also Ende August 2007 mit meiner Sportpilotenlizenz für Motorschirme, Sprechfunkzeugnis und einer schönen, leichten Motorschirmausrüstung (der Motor war viel leichter als der aus  der Flugschule) da. Übrigens – ich verwende denselben Schirm fürs Motorschirmfliegen wie fürs Gleitschirmfliegen, was natürlich enorm die Kosten senkt.


Die Praxis und der Gang durch die Behörden


Mit der erfolgreichen Ausbildung zum Motorschirmpiloten war ich meinem Ziel, auch die Heimat fliegerisch erkunden zu können, schon ein gutes Stück näher gekommen.

Allerdings hatte ich immer noch das Problem mit der begrenzten Reichweite meines Fluggerätes. Bei einer durchschnittlichen Fluggeschwindigkeit von 35 km/h und einer Tankfüllung, die für gut drei Stunden Flugzeit reicht, kommt man halt nicht allzu weit.

Sämtliche Ultraleichtflugplätze, auf denen man hier in der Region als Motorschirmflieger willkommen ist, liegen so weit von Mettmann entfernt, dass es nicht möglich ist, dort zu starten, hierher zu fliegen und anschließend wieder zurückzufliegen.


Was ich brauchte, war eine Startmöglichkeit in der Nähe.

Was lag näher, zunächst einmal bei den Fliegerkollegen meines alten Segelflugvereins nachzufragen, ob denn nicht die Möglichkeit bestehe, in Meiersberg starten und landen zu dürfen. Schließlich liegt dieser Segelflugplatz quasi direkt vor meiner Haustür.


Die Leute von meinem alten Verein waren von meiner Absicht ganz angetan und versprachen, mich bei meinem Ansinnen nach Kräften zu unterstützen. Leider war der Platzhalter von Meiersberg – ein anderer Verein – von dieser Idee nicht so angetan, so dass aus diesem Vorhaben nichts wurde. Die anderen Segelflugplätze in der Nähe von Mettmann schieden auch aus, da dort generell kein Betrieb motorisierter Luftfahrzeuge erlaubt ist bzw. war.


Also musste ein eigener Flugplatz her. Ein Flugplatz? Nein, nicht wirklich.

Mir reicht doch ein kleines Stückchen Wiese zum Starten und Landen.


Der erste Gedanke, der einem in solch einer Situation kommt, ist: „Dann such‘ dir doch so eine Wiese, frag‘ mal freundlich beim Besitzer nach und wenn der nichts dagegen hat, dann nix wie los und ab in die Luft.“


So etwas geht tatsächlich – allerdings nicht in Deutschland.

Wer hier als Motorschirmpilot auf diese Art und Weise in die Luft geht, der handelt nicht nur ordnungswidrig, sondern begeht sogar eine Straftat.


Man kann so etwas beklagen, man kann sich darüber hinwegsetzen, – was extrem teuer werden kann, falls man erwischt wird – oder man kann es auch als sinnvoll anerkennen, weil hier in unserem dicht besiedelten Land eine friedliche Koexistenz vieler Menschen mit vielen verschiedenen Interessen wohl einfach vieler Reglementierungen bedarf.

Anerkennen muss man schließlich auch, dass Motorschirmflieger hier in Deutschland nicht nur die gleichen Pflichten sonder auch die gleichen Rechte wie die übrigen motorisierten Luftfahrzeuge haben. Das ist längst nicht in allen unseren Nachbarländern der Fall.


Es ist, wie es ist, und erfreulicherweise zeigt das Luftverkehrsgesetz eine Möglichkeit auf, ganz legal auf einer Wiese starten und landen zu können.

Der Zauberspruch heißt: „Erlaubnis zur Durchführung von Außenstarts und -landungen mit einem motorisierten Gleitschirm“ und ist im §25 des Luftverkehrsgesetzes geregelt.


Eine solche Erlaubnis wird von der Landesluftfahrtbehörde ausgestellt. Sie ist zeitlich befristet, personengebunden, und sie kann jederzeit widerrufen werden.


Bevor man einen dementsprechenden Antrag stellt gilt es, einige Unterlagen beizubringen.


Man benötigt unter anderem:

ein passendes Gelände

die Einverständniserklärung des Besitzers / Eigentümers

die Einverständniserklärung des zuständigen Jagdpächters

eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der Gemeinde

eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der unteren Landschaftsbehörde

ein Geländegutachten, ausgestellt von einem dafür zugelassenen Gutachter

eine Begründung, warum man nicht einfach auf den nächstbesten Flugplatz startet


Nachdem ich Anfang März 2010 eine passende Wiese gefunden hatte, dauerte es eine geraume Zeit, bis ich alle Unterlagen zusammen hatte und meinen Antrag stellen konnte. Die Kommunikation mit allen beteiligten Personen, Ämtern und Behörden war übrigens überaus angenehm und positiv.

Passend zum Weihnachtsfest erhielt ich am 24. Dezember 2010 meinen Erlaubnisbescheid und bin seitdem so zu sagen stolzer Besitzer meines eigenen Startplatzes. Zunächst einmal bis Ende 2012, aber ich hoffe natürlich auf eine Verlängerung…

Motorgleitschirmfliegen oder
„Wie kommt man zu solch einem ausgefallenen Hobby?“

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